Logo IWW Institut für Wissen in der Wirtschaft
Anmelden
  1. Startseite
  2. CB ChefärzteBrief
  3. Krankenhaushygiene zahlt sich aus – auch ökonomisch!

CBChefärzteBrief
Feb. 2026

PatientensicherheitKrankenhaushygiene zahlt sich aus – auch ökonomisch!

Abo-Inhalt06.01.20266 Min. LesedauerVon Prof. Dr. Irit Nachtigall, MHBA, Vivantes Netzwerk für Gesundheit, Berlin, vivantes.de

Die Prävention nosokomialer Infektionen (NI) ist zentraler Bestandteil der stationären Versorgung. NI führen zu verlängerten Aufenthalten, zusätzlicher Diagnostik und Therapie sowie zu erheblichen Belastungen für Personal und Infrastruktur. Präventionsmaßnahmen reduzieren diese Effekte erheblich. Gleichzeitig gewinnen digitale Systeme an Bedeutung, die Abläufe unterstützen und Datenstrukturen verbessern. Prävention, Surveillance und Digitalisierung wirken dabei synergistisch in der Praxis, wobei die Digitalisierung vor allem zur Arbeitserleichterung beiträgt.

Ökonomische Bedeutung klassischer Präventionsmaßnahmen

Nosokomiale Infektionen verursachen erhebliche direkte und indirekte Zusatzkosten. Verschiedene ökonomische Analysen zeigen, dass die Mehrkosten pro Infektion – abhängig von Infektionstyp und Behandlungsumfeld – im Bereich von 5.000 bis 25.000 Euro liegen. Besonders kostenintensiv sind gerade die besonders häufigen NI wie Blutstrominfektionen, ventilatorassoziierte Pneumonien, postoperative Wundinfektionen. Häufig sind daran multiresistente Erreger beteiligt, die in den letzten Jahren erheblich zunehmen, was u. a. mit unsachgemäßem Antibiotikagebrauch zu tun hat. Vor allem Blutstrominfektionen verursachen Mehrkosten von über 20.000 Euro pro Fall, postoperative Wundinfektionen bewegen sich meist im Bereich von 6.000 bis 12.000 Euro, und Clostridioides-difficile-Infektionen liegen – abhängig vom Schweregrad – im vier- bis fünfstelligen Bereich, wobei dies mit den häufigen Rezidiven noch deutlich kostenintensiver werden kann.

Prävention kann diese Belastung substanziell reduzieren. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass zwischen 20 und 70 Prozent bestimmter Infektionen prinzipiell vermeidbar sind. Dabei kommt es auch auf die Ausgangslage an: Je schlechter diese ist, desto größer der Maßnahmeneffekt. Händehygieneprogramme, standardisierte Maßnahmenbündel und strukturierte Surveillance zeigen in verschiedenen Einrichtungen Rückgänge nosokomialer Infektionsraten zwischen 20 und 50 Prozent. Bei zentralvenenkatheterassoziierten Infektionen, Harnwegsinfektionen oder postoperativen Infektionen wurden je nach Ausgangsniveau Reduktionen zwischen 30 und 70 Prozent beschrieben.

Merke — Ökonomisch bedeutet dies, dass bereits die Vermeidung weniger Infektionen pro Jahr ausreichende Effekte erzeugen kann, um Präventionsprogramme vollständig zu amortisieren. Die in der Literatur dargestellten Kostenmodelle schätzen jährliche Einsparpotenziale – je nach Programmumfang und Ausgangslage – im Bereich von etwa 250.000 Euro bis über 1,5 Mio. Euro. Diese Effekte treten unabhängig von der Größe eines Krankenhauses auf und betreffen sowohl Intensiv- als auch Normalstationen.

Mechanismus

Beschreibung

Ökonomische Wirkung

Kürzere Verweildauer

Infektiös bedingte Verlängerungen um häufig 5–20 Tage

Mehr verfügbare Betten, höhere Fallzahlen, geringere Kosten pro Fall

Reduzierte Intensivpflichtigkeit

Weniger schwere Infektionen → seltener intensivmedizinische Behandlung

Entlastung teurer Ressourcen, geringere Behandlungskosten

Geringerer pflegerischer Aufwand

Weniger komplexe Pflege, weniger Isolation, weniger engmaschige Überwachung

Zeitgewinn, Entlastung im Personaleinsatz, bessere Steuerbarkeit

Weniger Diagnostik

Reduktion zusätzlicher Labortests, Bildgebung, mikrobiologischer Kontrollen

Einsparung variabler Kosten und Laborkapazität

Reduzierter Materialverbrauch

Weniger PSA, Verbandsmaterial, Infusionssysteme, Katheterwechsel

Geringere Sachkosten

Weniger antimikrobielle Therapie

Kürzere Therapiedauer, weniger Breitbandantibiotika

Geringere Arzneimittelkosten; weniger Folgekosten durch Nebenwirkungen

Weniger Komplikationsketten

Weniger Reoperationen, Rückverlegungen, Rehospitalisationen

Vermeidung teurer Folgeereignisse

Stabilere Abläufe

Weniger ungeplante Ereignisse, weniger Prozessstörungen

Bessere Auslastung, geringere indirekte Kosten

Unterstützende Digitalisierung

Standardisierte Prozesse, strukturierte Daten, automatisierte Surveillance

Indirekte Präventionseffekte, bessere Ressourcensteuerung

Auch aus der Tabelle ergibt sich ein konsistentes Bild: Klassische Präventionsmaßnahmen wirken nicht nur klinisch, sondern auch wirtschaftlich, indem sie unnötige Behandlungstage und Zusatzaufwand vermeiden.

Digitalisierung als ergänzender Faktor

Digitale Systeme haben das Potenzial, Prozesse zu steuern und die Umsetzung von Präventionsmaßnahmen zu unterstützen. Elektronische Dokumentation, strukturierte Anordnungen, automatisierte Prüfmechanismen und digital gestützte Surveillance erleichtern die frühzeitige Erkennung infektionsrelevanter Entwicklungen.

Einrichtungen mit höherem digitalem Reifegrad zeigen geringere Raten von NI und Medikationskomplikationen sowie eine leicht erhöhte Fallzahl pro Zeitraum. Diese Zusammenhänge weisen darauf hin, dass digitale Infrastruktur die Umsetzung klinischer Routinen unterstützt und dadurch direkte und indirekte Effekte auf die Infektionsprävention haben kann.

Digitale Systeme ersetzen klassische Hygienemaßnahmen nicht, tragen aber zur Standardisierung und Verlässlichkeit klinischer Abläufe bei und erleichtern die kontinuierliche Datenerfassung und Überwachung.

Zusammenspiel von Prävention, Surveillance und Digitalisierung

Surveillance ist ein zentraler Bestandteil der Infektionsprävention. Jedoch ist sie sehr zeitaufwendig und bindet personelle Ressourcen. Digitale Systeme können diesen Prozess unterstützen, indem sie Daten automatisiert erfassen, strukturieren und zugänglich machen. Dadurch wird die Erkennung von Abweichungen erleichtert und der Informationsfluss stabilisiert. Auch erleichtert es die Nachverfolgung von Patienten, hilft zur Früherkennung bei der Aufnahme der Patienten, sodass Übertragungen reduziert werden können.

Ein erheblicher finanzieller Faktor und auch ein Faktor, der den Patientenkomfort erheblich beeinträchtigt, betrifft die Isolierungen. Betten sind über längere Zeit gesperrt, die Patienten haben deutlich weniger Personalkontakt, was einerseits Diskomfort erzeugt, aber auch Komplikationen wie Stürze und Delir erzeugen kann, was dann die Behandlungskosten wieder in die Höhe treibt. Digitale Tools können helfen, die Diagnostik zu beschleunigen und die Wahrscheinlichkeit der Vorhersage zu verbessern, was ebenfalls Kosten reduziert Präventionsprogramme, strukturierte Surveillance und digitale Werkzeuge wirken damit zusammen. Sie adressieren unterschiedliche Aspekte klinischer Abläufe, ergänzen sich jedoch in ihren Effekten. Insgesamt führt dies zu einer geringeren Zahl nosokomialer Infektionen und zur wirtschaftlichen Entlastung.

Fazit — Präventionsmaßnahmen haben das Potenzial, sowohl die klinischen Ergebnisse als auch die wirtschaftliche Situation von Krankenhäusern zu verbessern. Digitale Systeme unterstützen diese Maßnahmen, indem sie Abläufe strukturieren und Surveillance vereinfachen. Die Wirkung ist abhängig von der lokalen Umsetzung, zeigt aber insgesamt Potenzial für eine stabilere Prozesslandschaft und eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen.

Weiterführende Literatur
  • Russo PL, Shaban RZ, Macbeth D, Carter A, Mitchell BG. Impact of electronic healthcare-associated infection surveillance software on infection prevention resources: a systematic review of the literature. J Hosp Infect. 2018 May; 99 (1): 1–7. doi.org/10.1016/j.jhin.2017.09.002. Epub 2017 Sep 8. PMID: 28893614.
  • Talbot TR, Baliga C, Crapanzano-Sigafoos R, Bubb TN, Fakih M, Fraser TG, Kalu IC, Mony V, Neelakanta A, Nyquist AC, O‘Neal C, Patterson JE, Warren DK, Wright SB. SHEA/APIC/IDSA/PIDS multisociety position paper: Raising the bar: necessary resources and structure for effective healthcare facility infection prevention and control programs. Infect Control Hosp Epidemiol. 2025 Apr 28; 46 (7): 1–19. doi.org/10.1017/ice.2025.73. Epub ahead of print. PMID: 40289573; PMCID: PMC12277079.
  • Woods L, Eden R, Green D, Pearce A, Donovan R, McNeil K, Sullivan C. Impact of digital health on the quadruple aims of healthcare: A correlational and longitudinal study (Digimat Study). Int J Med Inform. 2024 Sep;189:105528. doi.org/10.1016/j.ijmedinf.2024.105528. Epub 2024 Jun 21. PMID: 38935999. Woods et al. 2024 – digitale Reife und Komplikationsraten (digital und hygiene.pdf)
  • Rice S, Carr K, Sobiesuo P, Shabaninejad H, Orozco-Leal G, Kontogiannis V, Marshall C, Pearson F, Moradi N, O‘Connor N, Stoniute A, Richmond C, Craig D, Allegranzi B, Cassini A. Economic evaluations of interventions to prevent and control health-care-associated infections: a systematic review. Lancet Infect Dis. 2023 Jul; 23 (7): e228-e239. doi.org/10.1016/S1473-3099(22)00877-5. Epub 2023 Mar 28. Erratum in: Lancet Infect Dis. 2023 Aug; 23 (8): e279. doi.org/10.1016/S1473-3099(23)00315-8. PMID: 37001543.
  • Pollard J, Agnew E, Pearce-Smith N, Pouwels KB, Salant N, Robotham JV; REVERSE Consortium. Umbrella review of economic evaluations of interventions for the prevention and management of healthcare-associated infections in adult hospital patients. J Hosp Infect. 2025 Apr;158:47–60. doi.org/10.1016/j.jhin.2025.01.006. Epub 2025 Jan 20. PMID: 39842639.
  • Tchouaket Nguemeleu E, Beogo I, Sia D, Kilpatrick K, Séguin C, Baillot A, Jabbour M, Parisien N, Robins S, Boivin S. Economic analysis of healthcare-associated infection prevention and control interventions in medical and surgical units: systematic review using a discounting approach. J Hosp Infect. 2020 Sep; 106 (1): 134–154. doi.org/10.1016/j.jhin.2020.07.004. Epub 2020 Jul 8. PMID: 32652215; PMCID: PMC7341040.
  • Birgand G, Ahmad R, Bulabula ANH, Singh S, Bearman G, Sánchez EC, Holmes A. I nnovation for infection prevention and control-revisiting Pasteur‘s vision. Lancet. 2022 Dec 17; 400 (10369): 2250–2260. doi.org/10.1016/S0140-6736(22)02459-X. PMID: 36528378; PMCID: PMC9754656.
  • Nachtigall, I and Bonsignore, M; Ökonomische Auswirkungen der Hygiene; Krankenhaushygiene up2date 2018; 13: 419–431, ISSN 1862-5797, doi.org/10.1055/a-0749-6933

AUSGABE: CB 2/2026, S. 6 · ID: 50643305

Favorit
Teilen
Drucken
Zitieren

Beitrag teilen

Hinweis: Abo oder Tagespass benötigt

Link
E-Mail
X
LinkedIn
Xing
Heft-Reader
2026
Logo IWW Institut für Wissen in der Wirtschaft
Praxiswissen auf den Punkt gebracht

Bildrechte