PatientensicherheitKrankenhaushygiene zahlt sich aus – auch ökonomisch!
Die Prävention nosokomialer Infektionen (NI) ist zentraler Bestandteil der stationären Versorgung. NI führen zu verlängerten Aufenthalten, zusätzlicher Diagnostik und Therapie sowie zu erheblichen Belastungen für Personal und Infrastruktur. Präventionsmaßnahmen reduzieren diese Effekte erheblich. Gleichzeitig gewinnen digitale Systeme an Bedeutung, die Abläufe unterstützen und Datenstrukturen verbessern. Prävention, Surveillance und Digitalisierung wirken dabei synergistisch in der Praxis, wobei die Digitalisierung vor allem zur Arbeitserleichterung beiträgt.
Ökonomische Bedeutung klassischer Präventionsmaßnahmen
Nosokomiale Infektionen verursachen erhebliche direkte und indirekte Zusatzkosten. Verschiedene ökonomische Analysen zeigen, dass die Mehrkosten pro Infektion – abhängig von Infektionstyp und Behandlungsumfeld – im Bereich von 5.000 bis 25.000 Euro liegen. Besonders kostenintensiv sind gerade die besonders häufigen NI wie Blutstrominfektionen, ventilatorassoziierte Pneumonien, postoperative Wundinfektionen. Häufig sind daran multiresistente Erreger beteiligt, die in den letzten Jahren erheblich zunehmen, was u. a. mit unsachgemäßem Antibiotikagebrauch zu tun hat. Vor allem Blutstrominfektionen verursachen Mehrkosten von über 20.000 Euro pro Fall, postoperative Wundinfektionen bewegen sich meist im Bereich von 6.000 bis 12.000 Euro, und Clostridioides-difficile-Infektionen liegen – abhängig vom Schweregrad – im vier- bis fünfstelligen Bereich, wobei dies mit den häufigen Rezidiven noch deutlich kostenintensiver werden kann.
Prävention kann diese Belastung substanziell reduzieren. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass zwischen 20 und 70 Prozent bestimmter Infektionen prinzipiell vermeidbar sind. Dabei kommt es auch auf die Ausgangslage an: Je schlechter diese ist, desto größer der Maßnahmeneffekt. Händehygieneprogramme, standardisierte Maßnahmenbündel und strukturierte Surveillance zeigen in verschiedenen Einrichtungen Rückgänge nosokomialer Infektionsraten zwischen 20 und 50 Prozent. Bei zentralvenenkatheterassoziierten Infektionen, Harnwegsinfektionen oder postoperativen Infektionen wurden je nach Ausgangsniveau Reduktionen zwischen 30 und 70 Prozent beschrieben.
Merke — Ökonomisch bedeutet dies, dass bereits die Vermeidung weniger Infektionen pro Jahr ausreichende Effekte erzeugen kann, um Präventionsprogramme vollständig zu amortisieren. Die in der Literatur dargestellten Kostenmodelle schätzen jährliche Einsparpotenziale – je nach Programmumfang und Ausgangslage – im Bereich von etwa 250.000 Euro bis über 1,5 Mio. Euro. Diese Effekte treten unabhängig von der Größe eines Krankenhauses auf und betreffen sowohl Intensiv- als auch Normalstationen.
Mechanismus | Beschreibung | Ökonomische Wirkung |
Kürzere Verweildauer | Infektiös bedingte Verlängerungen um häufig 5–20 Tage | Mehr verfügbare Betten, höhere Fallzahlen, geringere Kosten pro Fall |
Reduzierte Intensivpflichtigkeit | Weniger schwere Infektionen → seltener intensivmedizinische Behandlung | Entlastung teurer Ressourcen, geringere Behandlungskosten |
Geringerer pflegerischer Aufwand | Weniger komplexe Pflege, weniger Isolation, weniger engmaschige Überwachung | Zeitgewinn, Entlastung im Personaleinsatz, bessere Steuerbarkeit |
Weniger Diagnostik | Reduktion zusätzlicher Labortests, Bildgebung, mikrobiologischer Kontrollen | Einsparung variabler Kosten und Laborkapazität |
Reduzierter Materialverbrauch | Weniger PSA, Verbandsmaterial, Infusionssysteme, Katheterwechsel | Geringere Sachkosten |
Weniger antimikrobielle Therapie | Kürzere Therapiedauer, weniger Breitbandantibiotika | Geringere Arzneimittelkosten; weniger Folgekosten durch Nebenwirkungen |
Weniger Komplikationsketten | Weniger Reoperationen, Rückverlegungen, Rehospitalisationen | Vermeidung teurer Folgeereignisse |
Stabilere Abläufe | Weniger ungeplante Ereignisse, weniger Prozessstörungen | Bessere Auslastung, geringere indirekte Kosten |
Unterstützende Digitalisierung | Standardisierte Prozesse, strukturierte Daten, automatisierte Surveillance | Indirekte Präventionseffekte, bessere Ressourcensteuerung |
Auch aus der Tabelle ergibt sich ein konsistentes Bild: Klassische Präventionsmaßnahmen wirken nicht nur klinisch, sondern auch wirtschaftlich, indem sie unnötige Behandlungstage und Zusatzaufwand vermeiden.
Digitalisierung als ergänzender Faktor
Digitale Systeme haben das Potenzial, Prozesse zu steuern und die Umsetzung von Präventionsmaßnahmen zu unterstützen. Elektronische Dokumentation, strukturierte Anordnungen, automatisierte Prüfmechanismen und digital gestützte Surveillance erleichtern die frühzeitige Erkennung infektionsrelevanter Entwicklungen.
Einrichtungen mit höherem digitalem Reifegrad zeigen geringere Raten von NI und Medikationskomplikationen sowie eine leicht erhöhte Fallzahl pro Zeitraum. Diese Zusammenhänge weisen darauf hin, dass digitale Infrastruktur die Umsetzung klinischer Routinen unterstützt und dadurch direkte und indirekte Effekte auf die Infektionsprävention haben kann.
Digitale Systeme ersetzen klassische Hygienemaßnahmen nicht, tragen aber zur Standardisierung und Verlässlichkeit klinischer Abläufe bei und erleichtern die kontinuierliche Datenerfassung und Überwachung.
Zusammenspiel von Prävention, Surveillance und Digitalisierung
Surveillance ist ein zentraler Bestandteil der Infektionsprävention. Jedoch ist sie sehr zeitaufwendig und bindet personelle Ressourcen. Digitale Systeme können diesen Prozess unterstützen, indem sie Daten automatisiert erfassen, strukturieren und zugänglich machen. Dadurch wird die Erkennung von Abweichungen erleichtert und der Informationsfluss stabilisiert. Auch erleichtert es die Nachverfolgung von Patienten, hilft zur Früherkennung bei der Aufnahme der Patienten, sodass Übertragungen reduziert werden können.
Ein erheblicher finanzieller Faktor und auch ein Faktor, der den Patientenkomfort erheblich beeinträchtigt, betrifft die Isolierungen. Betten sind über längere Zeit gesperrt, die Patienten haben deutlich weniger Personalkontakt, was einerseits Diskomfort erzeugt, aber auch Komplikationen wie Stürze und Delir erzeugen kann, was dann die Behandlungskosten wieder in die Höhe treibt. Digitale Tools können helfen, die Diagnostik zu beschleunigen und die Wahrscheinlichkeit der Vorhersage zu verbessern, was ebenfalls Kosten reduziert Präventionsprogramme, strukturierte Surveillance und digitale Werkzeuge wirken damit zusammen. Sie adressieren unterschiedliche Aspekte klinischer Abläufe, ergänzen sich jedoch in ihren Effekten. Insgesamt führt dies zu einer geringeren Zahl nosokomialer Infektionen und zur wirtschaftlichen Entlastung.
Fazit — Präventionsmaßnahmen haben das Potenzial, sowohl die klinischen Ergebnisse als auch die wirtschaftliche Situation von Krankenhäusern zu verbessern. Digitale Systeme unterstützen diese Maßnahmen, indem sie Abläufe strukturieren und Surveillance vereinfachen. Die Wirkung ist abhängig von der lokalen Umsetzung, zeigt aber insgesamt Potenzial für eine stabilere Prozesslandschaft und eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen.
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AUSGABE: CB 2/2026, S. 6 · ID: 50643305