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CBChefärzteBrief

Diagnostik„Eine unnötige Bettenbelegung ist viel teurer als die Teleradiologie!“

Abo-Inhalt26.01.20264 Min. Lesedauer

Ein einzelnes Krankenhaus gab vor über 25 Jahren den Anstoß für das Netzwerk für Teleradiologie in Dillingen im Saarland. Heute gehören 140 Krankenhäuser zu den Kunden des Netzwerks. Ursula Katthöfer (textwiese.com) sprach mit dessen Gründer und Vorstand Dr. Torsten Möller, Facharzt für Radiologie und mehrfacher Buchautor.

Frage: Herr Dr. Möller, versetzen wir uns in die 1990er-Jahre zurück. Wie startete die Teleradiologie?

Antwort: In unserer radiologischen Gemeinschaftspraxis befundeten wir für zwei Krankenhäuser in der Nähe. Ein 25 Kilometer entferntes Haus wollte unseren Service ebenfalls. Das war ein Problem, denn Teleradiologie war Ende der 1990er-Jahre noch nicht erfunden. So kamen wir auf die Idee, nicht den Radiologen, sondern die Bilder auf die „Reise“ zu uns zu schicken. Datenleitungen gab es nicht. Aber die Post bot die technische Innovation Photophone an. Damit haben wir Röntgenbilder per Videokamera abgefilmt und per ISDN übertragen. Dieses Verfahren funktionierte gut und sprach sich herum, sodass wir vor 25 Jahren eine eigene Firma für die Teleradiologie gründeten.

Frage: Was war damals rechtlich erlaubt, was war verboten?

Antwort: Es gab anfangs überhaupt keine Regulierung. Wie das in Deutschland manchmal so ist, wurde versucht, die Teleradiologie zu verbieten, weil die Regulierung fehlte. Es gab abstruse Argumente, etwa dass Teleradiologen unerlaubte Wanderärzte seien. Doch das ist Schnee von gestern. Wir sind gegen das Verbot juristisch vorgegangen und konnten eine gute Einigung erzielen, die die Teleradiologie bundesweit erlaubte. Heute beschäftigen wir etwa 75 Fachärzte für Radiologie und versorgen 140 Krankenhäuser. Bevor wir technische Lösungen anwenden, untermauern wir sie mit wissenschaftlichen Studien.

Frage: Bitte nennen Sie ein Beispiel.

Antwort: Künstliche Intelligenz (KI) kann einer unserer Studien zufolge eine Hirnblutung oder einen Schlaganfall vier Minuten, nachdem die CT-Bilder übermittelt wurden, befunden. Sie ist meist schneller als der Radiologe. Diese wenigen Minuten können darüber entscheiden, ob ein Patient das Krankenhaus im Rollstuhl oder zu Fuß verlässt. Wir setzen KI nicht nur punktuell ein, sondern generell bei allen Befunden. Denn wir können ja im Vorfeld nicht wissen, ob ein Patient eine Hirnblutung hat oder nicht. Hat er sie tatsächlich, profitiert er maximal von der Schnelligkeit der KI.

Frage: Kommt es vor, dass Sie technische Neuerungen wieder aussortieren, weil sie sich nicht bewähren?

Antwort: Ja, kürzlich hatten wir ein KI-Modul, das alte Frakturen gut erkannte, aber nicht die neuen. Das nützt dem Patienten, der mit einer Wirbelsäulenfraktur als Notfall ins Krankenhaus kommt, gar nichts. Wir wechselten zu einem KI-System, das frische Frakturen besser erkennt. Auch einen fremden IT-Dienstleister mit Call Center haben wir wieder verabschiedet. Rief man dort an, wähnte man sich bei einem Telefonanbieter: ‚Wenn Sie dies wollen, drücken Sie die 1. Wenn Sie jenes wollen, drücken Sie die 2.‘ Man stelle sich eine MTRA im Notdienst vor, die dringend Hilfe braucht. Sie muss einen kompetenten Ansprechpartner sofort erreichen, der in das System schaut und das Problem regelt. Wir haben deshalb einen 24/7-IT-Dienst mit unseren eigenen IT-Fachleuten aufgebaut, die die technischen Gegebenheiten der einzelnen Häuser kennen.

Frage: Krankenhäuser stehen unter einem hohen wirtschaftlichen Druck. Was spricht dafür, einen externen Dienstleister wie Ihr Unternehmen zu beauftragen?

Antwort: Teleradiologie ist effizient und wirtschaftlich. Auf die einzelne Untersuchung gerechnet ist es nicht sinnvoll, für drei oder vier CTs in der Nacht einen Nachtdienst einzurichten und zu bezahlen. Der Teleradiologe ist hingegen mit 15 bis 20 Untersuchungen pro Nacht ausgelastet. Das Krankenhaus kann Geld sparen, wenn es nur einzelne Untersuchungen honoriert. Das gilt auch für Wochenenden und Spitzenzeiten, in denen Personal fehlt. Hinzu kommt die wachsende Erfahrung mit Notfalluntersuchungen. Je mehr Erfahrung, desto höher die Qualität der Versorgung. Mit dieser Erfahrung stärken wir die Krankenhäuser. Dabei unterstützen wir auch die MTRA. Bei Notfalluntersuchungen sind unsere Teleradiologen in ständigem Kontakt mit ihnen.

Frage: Welche Rolle spielt das Homeoffice?

Antwort: Eine wachsende Rolle. Wir bieten den Krankenhäusern eine neue Infrastruktur an, damit ihre Radiologen von zu Hause aus befunden können. So können die Häuser bei der Personalsuche das Homeoffice in die Arbeitsplatzbeschreibung aufnehmen. Das ist gefragt, denn gerade junge Ärztinnen und Ärzte in der Familienphase möchten es nutzen.

Frage: Aber wo bleibt Ihr Umsatz, wenn die Radiologen der Krankenhäuser zu Hause befunden, statt die Teleradiologie nachzufragen?

Antwort: Selbst eine optimal geführte Radiologie hat Engpässe – bei Nacht, in der Urlaubszeit, zu Weihnachten. Zu diesen Zeiten heben wir den Finger, denn dann ist die Teleradiologie für das Krankenhaus besonders wirtschaftlich. Das Management will einen Befundstau verhindern, der schlimmstenfalls dazu führt, dass Patienten länger liegen. Eine unnötige Bettenbelegung ist viel teurer als die Teleradiologie. Jetzt sind wir dabei, unsere Dienstleistung nahtlos in den Krankenhäusern zu integrieren. Das ist bei der Vielzahl der Systeme nicht trivial, doch im Krankenhaussektor ist viel in Bewegung. Es ist immer vom Digitalisierungsstau die Rede. Doch ich kann erfreulicherweise für uns sagen, dass wir immer wieder gute Ideen haben.

Herr Dr. Möller, haben Sie vielen Dank!

AUSGABE: CB 2/2026, S. 4 · ID: 50632400

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