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AHApotheke heute

Interview„Wir sind der Meinung, dass die Apotheke die bestmögliche Anlaufstation für Inkontinenz-Patienten ist“

Abo-Inhalt21.01.20266 Min. Lesedauer

Manuela Hoffmann-Lücke ist als Senior Vice President für die gesamte deutsche Organisation der PAUL HARTMANN AG zuständig. Für Hartmann ist Deutschland der größte Markt. Er lässt sich in die vier Divisionen Wunden, Inkontinenz, Prävention und Desinfektion unterteilen. AH-Autorin und Apothekerin Anja Hapka sprach mit Frau Hoffmann-Lücke über das Tabuthema Inkontinenz und die Rolle der Apotheken in diesem schwierigen Versorgungsumfeld.

FRAGE: Frau Hoffmann-Lücke, ist eigentlich bekannt, wie viele Menschen in Deutschland unter Inkontinenz leiden?

ANTWORT: Einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge sind es ca. 10 Mio. Menschen, Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Da es sich jedoch immer noch um ein Tabuthema handelt, ist von einer großen Dunkelziffer auszugehen. Nur etwa jeder fünfte Betroffene sucht sich Hilfe beim Arzt, die anderen versuchen, sich mit Taschentüchern oder einfachen Damenbinden zu behelfen. Um Inkontinenz-Patienten eine Stimme zu geben, haben wir deshalb die Studie „Breaking the Silence: A European Report“ ins Leben gerufen.

FRAGE: Wenn vom Thema Inkontinenzversorgung die Rede ist, denkt das Apothekenpersonal direkt an die Monatsbudgets der verschiedenen Krankenkassen. Diese scheinen uns in den Apotheken immer viel zu gering auszufallen. Hätten Sie vielleicht konkrete aktuelle Zahlen für uns?

ANTWORT: Der Bereich der Inkontinenzversorgung ist kein Zuckerschlecken, da herrscht immer ein sehr hoher Kostendruck. Bei der monatlichen Versorgung im ambulanten Bereich haben wir zurzeit ein Durchschnittsbudget von 17,32 Euro, stationär sind es mit durchschnittlich 24,86 Euro etwas mehr. Das ist der höchste Stand seit 2019. In Deutschland sind ungefähr 89 Prozent aller Versicherten Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die Kosten für deren Versorgung sind unlängst um 4,8 Prozent angestiegen. Allerdings hat man herausgefunden, dass der Anstieg im Bereich der Hilfsmittel nur bei 3,6 Prozent lag. Die Hilfsmittelversorgung ist also nicht in erster Linie dafür verantwortlich.

FRAGE: Wenn Sie den gesamten Inkontinenz-Markt betrachten, wo steht da eigentlich die öffentliche Apotheke?

ANTWORT: Wir sind der Meinung, dass die Apotheke die bestmögliche Anlaufstation für Inkontinenz-Patienten ist. Apotheken nehmen sich Zeit für die persönliche Beratung. Oftmals trauen sich Betroffene eher, mit dem Apothekenmitarbeiter über ihre Probleme in diesem Bereich zu sprechen als mit der eigenen Familie. In der Apotheke werden die Patienten gut über ihre Möglichkeiten aufgeklärt und dann auch oft zum Arzt weitergeschickt. Wir möchten, dass Inkontinenz-Patienten die Apotheke oder in den Fachhandel aufsuchen. Wir wollen nicht, dass sie sich ohne Beratung in der Drogerie versorgen. Daher geben wir den Apotheken auch so viele Hilfestellungen mit auf den Weg. Erhebungen im April/Mai 2024 haben allerdings gezeigt, dass die Online-Apotheken mit 20 Prozent vom Umsatz inzwischen eine erhebliche Konkurrenz darstellen – und durch das E-Rezept ist diese Tendenz steigend.

FRAGE: Hilfestellungen für Apotheken sind ein gutes Stichwort. Was gibt es denn da im Einzelnen?

ANTWORT: Da wäre zunächst das Hartmann Versorgungsmanagement zu nennen. Wir geben der Apotheke alle Mittel für die Anamnese an die Hand, damit sie im Beratungsgespräch recht einfach die korrekte Stärke der Inkontinenz ermitteln und somit dem Patienten das für ihn am besten geeignete und zugleich auch wirtschaftlichste Produkt empfehlen kann. Dort sind auch die Monatsbudgets der Krankenkassen integriert. So helfen wir der Apotheke gleichzeitig bei der Bewältigung der bürokratischen Hürden und beim digitalen Ertragsmanagement.

Über Hartmann Supply können die ausgewählten Inkontinenz-Produkte dann jeden Monat direkt von uns zum Patienten nach Hause geschickt werden – selbstverständlich immer im Namen der versorgenden Apotheke. Dies löst sehr elegant das große Platzproblem, das viele Apotheken bei der Inkontinenzversorgung haben. Das haben wir letztes Jahr intensiv gelauncht. Unsere Partnerapotheken konnten bis zu 230 Prozent Zuwachs in diesem Bereich generieren – und das, ohne zusätzliches Personal einstellen zu müssen. Zudem unterstützen wir das Apothekenpersonal durch unsere Akademie auch mithilfe von Trainings und Fortbildungen.

FRAGE: Welche Hilfestellung empfehlen Sie für Patienten?

ANTWORT: Ganz eindeutig ist das die Seite pflege.de. Betroffene finden dort alles, was sie benötigen, beispielsweise auch Informationen zu den Themen Pflegegrad und Pflegehilfsmittel.

FRAGE: Die Inkontinenz-Produkte entwickeln sich ja kontinuierlich weiter. Woran arbeitet Hartmann derzeit? Welche Entwicklungen dürfen wir in naher Zukunft erwarten?

ANTWORT: Bei qualitativ hochwertigen Inkontinenz-Produkten ist der Saugkörper entscheidend – Windelhose ist eben nicht gleich Windelhose. Uns ist es wichtig, dass die Haut trocken und geschützt ist. Daher war es für uns von großer Bedeutung, die Saugfähigkeit unserer Produkte um über 80 Prozent zu steigern, sodass der Urin nun noch schneller abfließen kann. So können die Produkte dünner sein, was den Patienten sehr wichtig ist. Wir erweitern auch stets das Sortiment unserer unterstützenden Produkte. Bei der Entwicklung neuer Produkte geht es ganz klar in Richtung Unterwäsche mit einem „Geheimfach“. Das produziert einfach viel weniger Müll als komplette Wegwerfunterhosen. Der Gedanke daran ist bei den Patienten noch nicht so verbreitet, im Bereich Krankenhaus ist man da schon etwas weiter.

Das bringt uns auch direkt zum Thema Nachhaltigkeit. Wir haben daran gearbeitet, unsere Verpackungen um 50 Prozent zu verkleinern, indem deutlich weniger Luft enthalten ist. Dadurch benötigen wir viel weniger Lkws für den Transport. Das wirkt sich natürlich auch äußerst positiv auf die Lagerhaltung in den Apotheken aus. Wir produzieren übrigens in Deutschland, und zwar in einer Anlage in der Nähe von Heidenheim. Dadurch haben wir generell kurze Transportwege, was uns sehr bei der Klimabilanz hilft. Wir haben kürzlich erneut viel investiert, um dort auch in Zukunft flexibel und modern produzieren zu können.

FRAGE: Können Apotheken und Patienten bei Ihnen kostenlose Proben anfordern, um sich ein eigenes Bild von der Qualität Ihrer Produkte zu machen?

ANTWORT: Ja, selbstverständlich. Das ist uns auch sehr wichtig, denn wer einmal ein hochwertiges Inkontinenz-Produkt verwendet hat, der bleibt auch dabei und greift nicht mehr auf Notlösungen zurück.

FRAGE: Mir ist aufgefallen, dass Sie im Gegensatz zur Konkurrenz keine Fernsehwerbung für Ihre Inkontinenz-Produkte schalten, um Patienten auf diesem Weg auf sich aufmerksam zu machen. Das hat doch sicherlich einen Grund?

ANTWORT: Das haben Sie richtig bemerkt. Wir wollen uns nicht an Laien, sondern in erster Linie an Apotheken und den Fachhandel wenden. Viele Apotheken betreiben schließlich auch Sanitätshäuser. Angesichts des Apothekensterbens benötigen die Apotheken Lösungen. Wir wollen ein Teil dieser Lösung sein, denn wir stehen hundertprozentig hinter den Apotheken als kompetente Berater im Bereich der Inkontinenzversorgung. Ohne Beratung geht es in diesem Bereich für uns einfach nicht. Wir wollen nicht, dass sich die Patienten komplett selbst versorgen.

FRAGE: Stehen Sie auch mit den Krankenkassen im Dialog? Denn viele Apotheken sind der Meinung, dass ein höheres Monatsbudget bei der Versorgung am meisten helfen würde.

ANTWORT: Ja, natürlich! Wir haben ein Team aus sogenannten Health Care Managern, die regional auf die Krankenkassen zugehen. Wir setzen uns stark dafür ein, dass die monatlichen Budgets nicht gekürzt werden. In erster Linie klären wir die Kostenträger über die Folgekosten auf, die entstehen, wenn inkontinente Patienten nicht adäquat versorgt werden. Unser Ziel ist es, einen Beitrag für die bessere Inkontinenzversorgung der Betroffenen zu leisten.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hoffmann-Lücke, und dass Sie sich die Zeit genommen haben.

AUSGABE: AH 2/2026, S. 5 · ID: 50663086

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