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Apr. 2025

>Treibhausgasbilanz einfach erklärtScope 1, 2 oder 3? Warum jedes Unternehmen seine Emissionen kennen und verstehen sollte

Abo-Inhalt01.12.202561 Min. LesedauerVon Claus Fesel, Senior Expert für Nachhaltigkeit, CSR-Manager, Professional Coach (DBVC) und Berater bei Nürnberg

| Wer den eigenen CO2-Fußabdruck verstehen und steuern will, muss wissen, wo Emissionen entstehen – im eigenen Betrieb, durch eingekaufte Energie oder entlang der Lieferkette. Diese Systematik liefern die Scopes 1, 2 und 3. Sie sind keine Fachbegriffe aus dem Lehrbuch, sondern das Grundgerüst der internationalen Bilanzierung von Treibhausgasen. Sie helfen Unternehmen, Emissionsquellen zu erkennen, Risiken zu steuern und gezielte Maßnahmen zu planen. Wer die Scopes versteht, versteht den Kern moderner Klimabilanzierung. Dieser Beitrag erklärt Aufbau und Unterschiede der Scopes und zeigt, wie sie im Alltag greifen. |

1. Vergleichbarkeit schaffen: Zur Logik der Scopes

Wer heute über Klimaschutz und Nachhaltigkeit spricht, kommt an einer sauberen Treibhausgasbilanz nicht vorbei. Sie ist das Fundament jeder Klimastrategie und zugleich ein zentrales Steuerungsinstrument für Unternehmen, Banken und Investoren. Damit Emissionen weltweit vergleichbar werden, braucht es ein gemeinsames System. Dieses liefert das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) – der internationale Standard für die Erfassung, Bilanzierung und Berichterstattung von Treibhausgasen.

Entwickelt Anfang der 2000er-Jahre vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), gibt es Unternehmen ein transparentes Rahmenwerk an die Hand. Herzstück des Protokolls ist die Einteilung in drei Scopes, also in drei Bilanzierungsbereiche. Diese Dreiteilung hat sich weltweit etabliert – von börsennotierten Konzernen bis zu mittelständischen Betrieben. Sie bildet die Grundlage zahlreicher Berichtspflichten, etwa der EU-Taxonomie oder der CSRD.

2. Treibhausgasbilanz: Emissionen im Überblick

Eine CO2‑Bilanz erfasst alle klimawirksamen Emissionen eines Unternehmens und macht sie in CO2‑Äquivalenten vergleichbar, sodass auch Gase wie Methan oder Lachgas einheitlich bewertet werden. Sie schafft Transparenz über die eigene Wirkung, zeigt Einsparpotenziale, misst Fortschritte und bildet die Basis für Klimaziele sowie tragfähige Transitionspläne.

Damit aus Transparenz Steuerung wird, braucht es eine klare Ordnung der Quellen. Genau hier setzt das Greenhouse Gas Protocol an: Es unterscheidet die drei Scope-Bereiche danach, wo die Emissionen entstehen und wie direkt ein Unternehmen sie beeinflussen kann.

Um die Systematik greifbar zu machen, folgt nun ein Blick auf die drei Scopes im Detail – beginnend mit den direkten, dann den indirekten Emissionen.

2.1 Direkte Emissionen (Scope 1)

Scope 1 umfasst alle direkten Emissionen aus Quellen, die sich im Eigentum oder unter der Kontrolle des Unternehmens befinden.

Beispiele Scope 1

  • Kraftstoffverbrauch der eigenen Fahrzeugflotte
  • Erdgasheizung für Produktions- oder Verwaltungsgebäude
  • Einsatz von Maschinen mit Verbrennungsmotor
  • Kältemittelverluste aus Klimaanlagen

KMU-Praxisbeispiel: Ein metallverarbeitender Betrieb mit 300 Mitarbeitenden betreibt eine Pulverbeschichtungsanlage. Der Erdgasverbrauch für den Ofen und der Dieselverbrauch der Lkw fallen unter Scope 1.

Entsprechend lassen sich Emissionen dort senken, wo sie entstehen: bei Fahrzeugen, Heizung und Kälte. Verbesserungen könnten sein:

  • Umstellung auf E-Fahrzeuge
  • Einsatz von Wärmepumpen statt Gasheizungen
  • Wartung von Kälteanlagen zur Vermeidung von Leckagen

2.2 Indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie (Scope 2)

Scope 2 erfasst indirekte Emissionen aus dem Bezug von Strom, Fernwärme, Fernkälte oder Dampf.

Beispiele Scope 2

  • Strom für Maschinen, Beleuchtung oder Kühlung
  • Fernwärme für Verwaltungsgebäude

KMU-Praxisbeispiel: Ein Lebensmittelhersteller mit 500 Beschäftigten betreibt energieintensive Kühlhäuser. Der Stromverbrauch hierfür fällt unter Scope 2.

Um die bezugsbedingten Emissionen zu mindern, bieten sich Maßnahmen entlang von Einkauf, Erzeugung und Effizienz an. Verbesserungen könnten sein:

  • Bezug von zertifiziertem Ökostrom
  • Eigenstromerzeugung, z. B. Photovoltaikanlagen
  • Effizienzmaßnahmen wie LED-Beleuchtung oder intelligente Steuerungstechnik

2.3 Indirekte Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (Scope 3)

Scope 3 umfasst alle übrigen indirekten Emissionen außerhalb von Scope 2 – sowohl vorgelagerte (Upstream) als auch nachgelagerte (Downstream) Aktivitäten. Das GHG Protocol definiert 15 Aktivitätskategorien.

Merke | Nicht jede Kategorie ist für jedes Unternehmen wesentlich. Eine Wesentlichkeitsanalyse priorisiert Fokusfelder.

Beispiele Scope 3 (Auszug aus 15 Kategorien)

  • Eingekaufte Waren und Dienstleistungen
  • Transport und Logistik (Lieferanten und Kunden)
  • Geschäftsreisen und Pendelverkehr der Mitarbeitenden
  • Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte

KMU-Praxisbeispiel: Ein Möbelhersteller bezieht Holzplatten aus Osteuropa (vorgelagert), verschickt fertige Möbel per Spedition (nachgelagert) und berücksichtigt Emissionen aus der Entsorgung am Lebensende der Produkte.

Entsprechende Verbesserungen könnten hier ansetzen:

  • Lieferanten mit klimafreundlichen Materialien auswählen
  • Transportwege optimieren, emissionsärmere Verkehrsträger nutzen
  • Kunden zur nachhaltigen Nutzung und Entsorgung anleiten

Scope 3 bietet in der Regel den größten Hebel für die Senkung der Emissionen, schon weil der Anteil an den Gesamtemissionen meistens bei 50 bis 80 % liegt. Jedoch bedarf es hier einer genauen Kenntnis der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette. Die Datenbeschaffung ist häufig komplex, da externe Stakeholder involviert sind und man auf deren Kooperation angewiesen ist.

2.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Scopes

Nach der Darstellung der drei Scopes folgt nun deren Einordnung im Vergleich: welche Emissionen sie jeweils abdecken, wo sie sich überschneiden und wie sie zusammen ein vollständiges Bild der Klimawirkung eines Unternehmens ergeben.

Scopes im Vergleich

Merkmal

Scope 1

Scope 2

Scope 3

Direkte Kontrolle

Hoch

Mittel

Gering

Datenverfügbarkeit

Hoch

Hoch

Niedrig bis mittel

Einflussmöglichkeiten

Direkt

Direkt/indirekt

Indirekt über Partner

Typischer Anteil

10 – 30 %

10 – 20 %

50 – 80 %

3. Von den Scopes zum Transitionsplan

Mit den Scopes steht die Ordnung, mit der Bilanz die Ausgangsbasis – doch Zahlen allein reduzieren keine Emissionen. Aus den identifizierten Hotspots folgen Prioritäten, Budgets und Verantwortlichkeiten. Genau hier setzt der Klimatransitionsplan an. Er übersetzt Befunde aus Scope 1, 2 und 3 in eine belastbare Abfolge von Zielen, Maßnahmen und Meilensteinen, verankert in Strategie und Investitionsplanung. Der Plan schafft Verbindlichkeit für Umsetzung und Berichtspflichten. So wird aus der Systematik der Scopes ein konkreter Pfad zur Dekarbonisierung.

Zu den Kernelementen eines Klimatransitionsplans zählen:

Praxisbeispiel aus dem Maschinenbau

Ein familiengeführtes Maschinenbauunternehmen mit 600 Mitarbeitenden produziert Präzisionsanlagen für die Lebensmittelindustrie und beliefert Kunden weltweit. Die Treibhausgasbilanz zeigt, dass rund 70 % der Gesamtemissionen aus Scope 3 in der Vorkette entstehen – insbesondere durch den Einkauf von Stahlbauteilen, Gussteilen und Blechen. Scope 1-Emissionen (Firmenflotte, Hallenheizungen) und Scope 2-Emissionen (Strom für Fertigung und Verwaltung) machen zusammen weniger als 30 % aus.

Auf Basis dieser Analyse entwickelt das Unternehmen einen Klimatransitionsplan mit folgenden Schwerpunkten:

  • Materialumstellung: Bis 2030 soll der Anteil CO2-reduzierten Stahls auf 80 % steigen. Dafür werden langfristige Lieferverträge mit zwei Elektrostahlwerken abgeschlossen, die ausschließlich Grünstrom einsetzen.
  • Designoptimierung: Durch leichtere Bauweisen und modulare Konstruktionen wird der Materialeinsatz pro Maschine im Schnitt um 8 % reduziert, ohne die Stabilität zu beeinträchtigen.
  • Energieeffizienz: Austausch der Druckluftkompressoren gegen effiziente Modelle mit Wärmerückgewinnung – Einsparpotenzial: ca. 120 MWh Strom pro Jahr.
  • Eigenstromerzeugung: Installation einer kleineren PV-Anlage mit 120 kWp Leistung. Prognostizierter Jahresertrag: rund 120 MWh, was etwa 3 bis 4 % des eigenen Strombedarfs deckt.
  • Lieferkettentransparenz: Einführung einer CO2-Datenabfrage bei allen A-Lieferanten, um die Datenqualität für Scope 3 zu erhöhen und weitere Reduktionspotenziale zu identifizieren.
  • Monitoring Berichterstattung: Jährliche Aktualisierung der Treibhausgasbilanz und Veröffentlichung im Nachhaltigkeitsbericht nach VSME-Standard.

Den erwarteten Effekt des Klimaplans formuliert das Unternehmen folgendermaßen: Durch die Kombination aus neuen Materialien, optimierter Konstruktion und geringerem Energieverbrauch sollen die Gesamtemissionen bis 2030 um mindestens 45 % gegenüber dem Basisjahr 2023 sinken. Zugleich stärkt die Transition die Wettbewerbsposition, weil große Kunden Klimakennzahlen zunehmend in ihre Lieferantenbewertungen einbeziehen.

Fazit | Die Strukturierung von Treibhausgasemissionen nach den Scopes 1, 2 und 3 schafft Transparenz und macht Handlungsfelder sichtbar. Während die Scopes 1 und 2 meist gut zu erfassen und zu beeinflussen sind, liegt das größte Reduktionspotenzial häufig in Scope 3 – und damit außerhalb der eigenen Unternehmensgrenzen.

Ein Klimatransitionsplan verbindet die Analyse mit konkreten Maßnahmen und schafft eine belastbare Grundlage für strategische Entscheidungen. Unabhängig von regulatorischen Vorgaben wird die Fähigkeit, Emissionen zu messen, zu senken und darüber zu berichten, zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor im Mittelstand.

  • Ausgangsbasis: Ermittlung der aktuellen Emissionen (Scopes 1 – 3)
  • Ziele: Festlegung von Reduktionszielen (z. B. - 50 % bis 2030)
  • Maßnahmen: Definition konkreter Projekte und Verantwortlichkeiten
  • Monitoring: Jährliche Fortschrittskontrolle
  • Integration: Verankerung in Geschäfts- und Investitionsentscheidungen

AUSGABE: PN 4/2025, S. 152 · ID: 50519968

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