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>Kreislaufwirtschaft neu denkenWeniger schlecht ist nicht gut genug – Zirkulär wirtschaften nach Cradle to Cradle
| Ressourcenknappheit, Klimakrise und Umweltzerstörung prägen den Nachhaltigkeitsdiskurs, meist mit der Antwort: Verzicht. Doch der Fokus auf Reduktion bedeutet oft, dass nur Symptome bekämpft werden. Bestehende Systeme werden weniger schädlich, aber nicht grundlegend besser. Stattdessen sollte die Frage lauten: Wie lassen sich Produkte und Prozesse so gestalten, dass sie echten Mehrwert für Mensch und Umwelt schaffen, statt bloß den Schaden zu begrenzen? Cradle to Cradle zeigt den Weg: Produkte werden als Nährstoffe gedacht, entweder für biologische oder für technische Kreisläufe. Der Beitrag erklärt anschaulich und anhand vieler Beispiele das nachhaltige Wirtschaften nach dem C2C-Prinzip. |
1. Lineares Wirtschaftsmodell hat ausgedient
Schon jetzt sehen wir, wie Rohstoffengpässe, fragile Lieferketten und geopolitische Unsicherheiten das lineare Wirtschaftsmodell verteuern und Unternehmen unter Druck setzen. Parallel dazu verschärfen sich die regulatorischen Anforderungen. Dazu gehören strengere Qualitätsanforderungen für Produkte und Materialien, umfassende Berichtspflichten sowie eine EU-Taxonomie, die Investitionen gezielt in nachhaltige Sektoren, Produkte und Unternehmen lenkt.
Geschäftsmodelle sind jetzt gefragt, die Kreisläufe von Anfang an mitdenken, Ressourcen nicht verbrauchen, sondern Materialien so einsetzen, dass sie in kontinuierlichen Kreisläufen immer wieder neu genutzt werden können. Wie das in der Praxis bereits gelingt und worauf Unternehmen dabei achten sollten, zeigen der Cradle to Cradle (C2C)-Ansatz sowie konkrete Beispiele aus Industrie, Bau und Produktdesign.
2. Umdenken – Weniger schlecht ist nicht gut genug
Bisher nutzen wir die Ressourcen der Erde oft nur für kurzfristige Vorteile und verursachen damit langfristige Schäden. Durch die lineare Wirtschaftsweise verbrauchen wir Rohstoffe in rasantem Tempo: In Deutschland fiel der Erdüberlastungstag in diesem Jahr bereits auf den 3. Mai. Seitdem sind alle uns zustehenden Ressourcen aufgebraucht, und wir überschreiten die planetaren Grenzen weiter. Der aktuelle Circularity Gap Report der Circle Economy Foundation unterstreicht, wie dringend ein Umdenken nötig ist: Weltweit werden nur rund 6,9 % der eingesetzten Materialien im Kreislauf geführt – mehr als 93 % sind weiterhin neu gewonnene Rohstoffe.
Der gegenwärtige Umgang mit Ressourcen prägt auch das Selbstbild der Gesellschaft: Der Mensch gilt als Verursacher ökologischer Zerstörung. Diese Perspektive mag angesichts der Fakten nachvollziehbar sein, lenkt aber von Lösungen ab und prägt Denken wie Handeln.
Seit den 1980er-Jahren definiert ein Nachhaltigkeitsverständnis den Diskurs, das auf Verzicht, Reduktion und Effizienzsteigerung setzt – mit dem Ziel, Schäden zu mindern, statt Nutzen zu stiften. Damit verfestigt sich die Wahrnehmung, ökologischer Wandel bedrohe Wohlstand und stehe im Widerspruch zu wirtschaftlicher Entwicklung. Nachhaltigkeit erscheint so fälschlich als Synonym für Einschränkung.
Cradle to Cradle formuliert Nachhaltigkeitsziele grundsätzlich positiv und basiert auf einem konstruktiven Menschenbild. Ein rein kompensatorischer Ansatz – etwa durch geringeren Konsum oder eine leicht verbesserte CO2-Bilanz – genügt nicht. Solche Strategien verzögern lediglich die Folgen eines fortgesetzt destruktiven Umgangs mit Ressourcen. Ziel ist es, die Erde als Lebensgrundlage nicht nur zu bewahren, sondern aktiv zu fördern und durch wirtschaftliches wie gesellschaftliches Handeln einen ökologischen Mehrwert zu schaffen.
3. Natur kennt keine Abfälle
Cradle to Cradle nimmt sich die Natur zum Vorbild. Lebendige, divers aufgebaute Systeme sind widerstandsfähiger, gesünder und produktiver als uniforme Systeme. In der Natur existiert kein Abfall.
Beispiel |
Ein Kirschbaum erzeugt jährlich Tausende Blüten, von denen nur wenige Früchte und Samen ausbilden – dennoch gilt nichts als verschwendet. Der entstehende Überschuss wird zur Nahrungsquelle für Bodenorganismen und Tierwelt, während der Baum zugleich Luft reinigt und Wasser filtert. |
Um wie die Natur keine Abfälle, sondern Nährstoffe für Neues zu produzieren, müssen wir Zusammenhänge erkennen und Probleme im Ganzen denken. Cradle to Cradle verbindet ökologische, ökonomische und soziale Aspekte und entwickelt daraus umfassende Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit. Nach der C2C-Denkschule hat Effektivität dabei Vorrang vor Effizienz.
Beispiel |
Ein Beispiel hierfür sind Auto- und Fahrradreifen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer effizienter wurden. Dadurch sank der Materialeinsatz, doch ihr Abrieb ist inzwischen so fein, dass er als Mikroplastik nicht nur ins Meer, sondern auch in unsere Lungen gelangt. Wären Reifen nach dem Prinzip der Ökoeffektivität gestaltet, würde ihr Abrieb keine Schäden verursachen, sondern zu Nährstoff für die Umwelt werden. Wie das in der Realität gelingt, zeigt das C2C-Designkonzept. |
- Ökoeffizientes Handeln bedeutet, mit weniger Ressourcen, Energie und Emissionen auszukommen und so negative Auswirkungen zu minimieren.
- Ökoeffektive Produkte dagegen schaffen einen positiven Mehrwert für Mensch und Umwelt. Erst wenn ein Produkt oder Prozess diesen Mehrwert bietet, lohnt es sich, ihn im nächsten Schritt auf Effizienz zu optimieren.
4. Umgestalten – Wirtschaften mit Mehrwert
In der linearen Wirtschaft wird aus fast jedem Produkt, das heute in Umlauf gebracht wird, morgen bereits Abfall. Die meisten Ressourcen, die wir verbrauchen, landen auf Mülldeponien oder in Verbrennungsanlagen, man spricht auch von „Cradle to Grave“, von der Wiege ins Grab. Selbst das, was wir Recycling nennen, ist eigentlich eine Art Downcycling mit Qualitätsverlust, weil die meisten Produkte heute schlicht nie dafür entwickelt wurden, in Kreisläufen zirkulieren zu können.
Cradle to Cradle unterscheidet sich daher von anderen Kreislaufwirtschaftsstrategien, die als eine Art Weiterentwicklung von Abfallmanagement darauf abzielen, Materialien länger im Umlauf zu halten. Nach Cradle to Cradle werden Produkte jedoch bereits von Beginn an so gestaltet, dass gar kein Abfall entsteht. Materialien werden genutzt, ohne verbraucht zu werden.
Dabei ist entscheidend, dass Produkte ausgehend von ihrem Nutzungsszenario gestaltet werden. Welche Funktion soll ein Produkt in welchem Umfeld erfüllen? Werden seine Bestandteile in der Biosphäre zirkulieren, in der Technosphäre oder in Kaskaden?
- In der Biosphäre zirkulieren Materialien in kontinuierlichen Kreisläufen. Jeglicher Abrieb, etwa von Textilien oder Autoreifen, muss vollständig biologisch abbaubar sein und wird so innerhalb der Biosphäre zu Nährstoff.
- Die von Menschen geschaffene Technosphäre ist Teil der Biosphäre. In ihr zirkulieren Materialien, die auf der Erde begrenzt verfügbar sind, in kontinuierlichen technischen Kreisläufen. Deshalb dürfen sie nicht verbraucht werden, sondern müssen in ihrer Qualität erhalten und sortenrein trennbar bleiben. Auch nachwachsende Rohstoffe können zunächst in der Technosphäre zirkulieren, bevor sie als Nährstoffe wieder in die Biosphäre zurückkehren.Rohstoffe in der Technosphäre müssen sortenrein trennbar bleiben
- Aus Papierfasern lassen sich zum Beispiel etwa 25-mal neue Papiere herstellen, bis die Fasern zu kurz werden und biologisch abgebaut werden können. Voraussetzung für diese Kaskadennutzung ist, dass alle Bestandteile, einschließlich der Druckfarbe, gesundheitlich unbedenklich und biologisch abbaubar sind, damit sie wieder in die Biosphäre zurückgeführt werden können.
Bestandteile von Produkten zirkulieren daher oft in mehreren Kreisläufen und müssen entsprechend gestaltet sein.
Beispiel |
Verbrauchsprodukte wie Reinigungsmittel gelangen bspw. in die Biosphäre, etwa ins Wasser oder in die Luft. Das bedeutet: Ein Badreiniger, mit dem wir das Badezimmer putzen, muss biologisch abbaubar sein und darf das Wasser nicht verunreinigen. |
Bei der Materialauswahl nach Cradle to Cradle steht die Materialgesundheit im Mittelpunkt. Produkte bestehen ausschließlich aus Bestandteilen, die im jeweiligen Nutzungskontext weder Mensch noch Umwelt schaden. In der C2C-Wirtschaft sind faire Arbeitsbedingungen und -formen in Produktion und im Dienstleistungssektor Voraussetzung. Zudem werden alle Produkte ausschließlich mit erneuerbaren Energien aus kreislauffähigen Anlagen hergestellt.
5. Wirtschaften nach Cradle to Cradle
Vorausschauendes Wirtschaften nach dem C2C-Prinzip setzt auf Produkte, die im Kreislauf ökologischen, ökonomischen und sozialen Mehrwert schaffen. Unternehmen, die sich früh damit befassen, gewinnen Resilienz, Wettbewerbsvorteile und neue Märkte.
C2C-Produkte behalten durch ihr Design dauerhaft ihre Qualität und können angesichts steigender Rohstoffpreise sogar im Wert steigen. Das mindert die Abhängigkeit von knappen Ressourcen und globalen Märkten. Wo lineare Lieferketten wanken, schaffen zirkuläre Strukturen Stabilität und senken Risiken. Wie das in der Praxis gelingt, zeigen Firmen, die diesen Ansatz fest in ihrer Unternehmenspolitik und Kultur verankert haben.
Beispiel |
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Konzepte wie „Nutzen statt Besitzen“ oder „Product-as-a-Service“ zeigen, wie sich Cradle to Cradle in Geschäftsmodelle übersetzen lässt. So bleiben Unternehmen Eigentümer wertvoller Rohstoffe und profitieren wirtschaftlich von deren Wiederverwertung.
Beispiele |
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Wird Cradle to Cradle fest in der Unternehmensstrategie verankert, entsteht ein echter Mehrwert für Mitarbeitende und Kunden, für Gesundheit und Umwelt. Die Einführung von Cradle to Cradle beginnt oft mit einem Produkt und entwickelt sich zur gelebten Unternehmenskultur. Sie verändert Produktion, Denken und Lieferketten. Ressourcen werden bewusster eingesetzt – das senkt Kosten, erhöht Widerstandskraft und stärkt die Marke. Zugleich sinken Umweltrisiken durch schadstofffreie Materialien und geschlossene Kreisläufe. Das nützt Umwelt und Gesellschaft – und kann auch die Versicherbarkeit gewährleisten. Rückversicherer wie die „Hannover Rück“ warnen bereits vor steigenden Risiken durch Mikroplastik und strengere Umweltgesetze.
Fazit | Cradle to Cradle stärkt die Innovationskraft und erhöht die Attraktivität für nachhaltige Finanzierungen. Unternehmen werden so besser auf zukünftige Umweltauflagen vorbereitet. Bereits heute setzen zahlreiche innovative Unternehmen diesen Ansatz erfolgreich um und profitieren von den Vorteilen. All das zeigt, Cradle to Cradle ist längst keine Utopie mehr, sondern in der Praxis angekommen.
Autoren | Nora Sophie Griefahn, Co-Gründerin & Geschäftsführende Vorständin, Tim Janßen, Co-Gründer & Geschäftsführender Vorstand, Anna-Karina Reibold, Referentin für Presse & Text
Zur Organisation | Cradle to Cradle NGO ist ein gemeinnütziger Verein, der den C2C-Ansatz in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung und Zivilgesellschaft vernetzt und verbreitet, u. a. durch Bildungsformate, Leitfäden und Veranstaltungen wie den jährlichen C2C-Congress. Die Organisation wurde 2012 von Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen gegründet. Sitz der Organisation ist Berlin, wo auch das C2C LAB als Hauptstandort und Veranstaltungsort angesiedelt ist.
AUSGABE: PN 4/2025, S. 156 · ID: 50444460