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WirtschaftsforschungStillstand statt Aufschwung – der Mittelstand im Dauerstress
| Man muss es so sagen: Deutschland steckt fest. Die Wirtschaft stagniert – und das nicht erst seit gestern. Seit 2021 tritt die Wirtschaftsleistung auf der Stelle und das Bruttoinlandsprodukt liegt nur geringfügig über dem Niveau von 2019. Speziell der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, leidet unter den schwierigen Rahmenbedingungen und ausbleibenden Reformen. Damit Deutschland wieder wettbewerbsfähig wird, sind zahlreiche Impulse nötig, darunter unbedingt Investitionen in eine zeitgemäße Infrastruktur sowie endlich echte Reformen und Bürokratieabbau. |
Inhaltsverzeichnis
- 1. Wachstumsrückstand Deutschlands ist strukturell bedingt
- 2. Fehlende Dynamik
- 3. Mittelstand: seitwärts statt vorwärts
- 4. Umsatzrückgänge und Gewinneinbußen
- 5. Sondervermögen: Impulse – aber mit Einschränkungen
- 6. Rückbesinnung auf marktwirtschaftliche Prinzipien
- 7. Grundsätzliche Neubewertung von Regulierung
1. Wachstumsrückstand Deutschlands ist strukturell bedingt
3,1 % Wachstum im kommenden Jahr – es geht aufwärts. Leider bezieht sich diese Zahl nicht auf Deutschland. Vor einigen Tagen legte der Internationale Währungsfonds (IWF) die neueste Ausgabe seines halbjährlichen Weltwirtschaftsausblicks vor. Darin korrigiert der IWF seine weltweite Wachstums-prognose für 2026 leicht nach oben, auf eben jene 3,1 %. Deutschland trägt derzeit jedoch nur sehr wenig zum weltweiten Wachstum bei. Für das laufende Jahr prognostizieren die IWF-Fachleute lediglich ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,2 %, für 2026 eines von 0,9 % (vgl. auch die folgende Grafik). „Unter den großen Industrienationen wird das bisherige Wachstumsschlusslicht Deutschland auch 2026 kaum über die Abstiegsränge hinauskommen“, kommentiert z. B. die „Süddeutsche Zeitung“ (Hulverscheidt, Claus, 14.10.25, IWF dämpft die deutschen Wachstumshoffnungen).
Während die USA um über 12, Frankreich um 5 und Italien um 6 % gewachsen sind, schrumpfte die deutsche Wirtschaft zuletzt sogar. Selbst Nachbarn wie die Niederlande, Dänemark oder die Schweiz konnten ihre Wirtschaftsleistung seit dem Jahr 2000 um bis zu 57 % steigern – Deutschland kam nur auf 29 % (vgl. Grimm, Veronika, Haucap, Justus, Kolev, Stefan, Wieland, Volker: Eine Wachstumsagenda für Deutschland. Gutachten des wissenschaftlichen Beraterkreises für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Berlin 27.9.25, www.iww.de/s14716). Der Wachstumsrückstand Deutschlands ist strukturell bedingt. Während die industrielle Wertschöpfung abnimmt, wächst der Dienstleistungssektor insbesondere im öffentlichen Bereich, in dem kaum Produktivitätsfortschritte erzielt werden. Laut Sachverständigenrat hat das Wachstumspotenzial einen historischen Tiefstand erreicht.
Zugleich wirkt der demografische Wandel als Wachstumsbremse: Die Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt und die Investitionen gehen zurück. Seit Ende 2019 liegen die Unternehmensinvestitionen real um 6,5 % unter dem Vorkrisenniveau. In den USA liegen sie dagegen 14 % darüber. Der technologische Fortschritt kann diese Verluste nicht kompensieren.
2. Fehlende Dynamik
Das aktuelle Herbstgutachten des wissenschaftlichen Beraterkreises für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zeichnet ein klares Bild: Deutschlands technologische Wettbewerbsfähigkeit bröckelt. Nur 2,5 % der weltweiten Einhörner (Start-ups mit Milliardenbewertung) stammen aus Deutschland. Wohlstand entsteht hierzulande seltener durch Unternehmertum als durch Erbe, was ein Symptom für fehlende Dynamik ist. Europa insgesamt steckt in einer „Mitteltechnologie-Falle“: Statt Grundlagenforschung und Hightech dominieren Anwendungsbranchen wie die Autoindustrie. Die USA investieren fast doppelt so viel in private Forschung und Entwicklung. Besonders die Software- und KI-Industrie hat Deutschland fast vollständig verloren. Hinzu kommt eine beträchtliche Regulierungsflut: Arbeitsrecht, Umwelt- und Baurecht, Datenschutz – überall lähmen Detailvorgaben und Dokumentationspflichten die Wirtschaft. Die Autoren fordern, dass Regulierung künftig begründungspflichtig wird („Beweislastumkehr“).
Ein aktuelles Beispiel aus Nordrhein-Westfalen zeigt, dass es auch anders geht. Wie „DIE ZEIT“ im Oktober berichtete, haben Stahlbauingenieure aus dem rund 1.300 Seiten starken Regelwerk „Eurocode 3“ ein eigenes Regelwerk mit nur 159 Seiten geschaffen. Die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen spricht in diesem Zusammenhang vom „EasyCode“. Laut „DIE ZEIT“ zeigte sich die Landesbauministerin begeistert. Sie habe offiziell die sofortige Anwendung erlaubt. „DIE ZEIT“ spricht von einem „Wunder der Entbürokratisierung“. Man kann nur hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht, denn die überbordende Bürokratie hemmt Wachstum und Innovation enorm. Das gilt auch für den übermäßigen Schutz etablierter Branchen: Die Politik stützt alte Industrien, anstatt neuen Wachstumssektoren Raum zu geben.
Schließlich hat der Sozialstaat sein Gleichgewicht verloren: Die Sozialausgaben wachsen schneller als die Wirtschaftsleistung und die Lohnnebenkosten steigen. Hohe Unternehmenssteuern, ein rigider Wohnungsmarkt und eine zunehmende Mietpreisregulierung bremsen Investitionen und Mobilität.
3. Mittelstand: seitwärts statt vorwärts
Eine aktuelle Umfrage der Creditreform Wirtschaftsforschung unter rund 1.200 kleinen und mittleren Unternehmen signalisiert noch keine Konjunkturbelebung, sondern lediglich eine Seitwärtsbewegung. Der Creditreform Geschäftsklimaindex (CGK), ein wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Lage im Mittelstand, liegt diesen Herbst mit + 0,1 Punkten nahe der Nulllinie. In den beiden Vorjahren wurden leicht negative Werte verzeichnet (2024: – 4,8 Punkte, 2023: – 1,2 Punkte). Nach wie vor beurteilt die Mehrheit der Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage negativ – und das nun bereits im dritten Jahr in Folge. Der Geschäftslageindex liegt aktuell bei – 3,4 Punkten, nachdem er 2024 bei – 9,8 und 2023 bei – 4,9 Punkten lag. Die Unternehmen spüren die Folgen der anhaltenden Rezession noch immer deutlich.
Wie die Umfrage zudem zeigt, sind die Erträge vieler mittelständischer Betriebe erneut zurückgegangen. In der Folge verschlechterte sich auch die Eigenkapitalsituation. So erreichte der Anteil eigenkapitalschwacher Betriebe – also solcher mit einer Eigenkapitalquote von unter 10 % – mit 30,8 % den höchsten Stand seit neun Jahren. Besonders betroffen sind: Bauwirtschaft, Handel und Industrie. Nur noch jedes dritte Unternehmen kommt auf eine Eigenkapitalquote von über 30 % und verfügt damit über ausreichende Stabilität. Das Problem: je größer die Eigenkapitallücke, desto höher das Insolvenzrisiko.
Ein weiteres Krisenzeichen ist: Weiterhin berichten mehr Unternehmen (27,6 %) von einer gesunkenen als von einer gestiegenen Auftragslage (2,5 %). Immerhin hat sich die Spanne verringert – im Vorjahr klagten noch 32,5 % der Betriebe über rückläufige Aufträge. Aufgrund dieser Lage hat der Mittelstand auch 2025 Kapazitäten reduziert. 17,6 % der Unternehmen meldeten einen Personalabbau und nur 15,3 % haben zusätzliche Stellen geschaffen.
4. Umsatzrückgänge und Gewinneinbußen
Auch die Finanzgruppe Deutscher Sparkassen- und Giroverband (DSGV) widmete dem Mittelstand jüngst eine eingehende Untersuchung:
- Demnach ist der Umsatz im Mittelstand real um 4 % gesunken,Die Gewinneinbußen sind deutlich
- das Betriebsergebnis ging durchschnittlich um 13 % zurück und
- die durchschnittliche Umsatzrendite liegt nur noch bei 4 %.
Größter Kostentreiber waren die Personalkosten mit einem Plus von knapp 4 % – „in einem Land, in dem die Arbeitskosten z. B. im produzierenden Gewerbe mit 43 EUR pro Stunde rund ein Drittel über dem EU-Durchschnitt liegen“, wie DSGV-Präsident Prof. Dr. Ulrich Reuter im September anlässlich der DSGV-Pressekonferenz „Zukunft Mittelstand“ in Berlin (www.iww.de/s14718) sagte. Trotz dieser Belastungen liegt die Eigenkapitalquote der Analyse zufolge immer noch bei 38 %. „Der Mittelstand spürt den Gegenwind – aber er hält noch stand“, kommentierte Reuter. Die DSGV-Fachleute warfen ihren Blick auch auf einzelne Branchen. Besonders „im Herzstück der deutschen Industrie – im Metall-, Fahrzeug- und Maschinenbau“ – hätten die mittelständischen Unternehmen Umsatzrückgänge von durchschnittlich rund 7 % und Gewinneinbußen von 18 % zu verkraften. Gründe seien vor allem eine schwache Nachfrage und gestiegene Lohnkosten.
Die Sparkassenorganisation spart nicht mit Kritik. Die deutschen Unternehmen hätten schwierige Jahre mit deutlichen Krisen hinter sich, auf die die übergroße Mehrheit besonnen und entschlossen reagiert habe. Allerdings hätten auch staatliche Hilfen gegriffen. „Jetzt werden allerorten die Belastungen einer veralteten öffentlichen Infrastruktur, einer überbordenden Bürokratie und sehr hoher Lohnnebenkosten wegen fehlender Reformen immer deutlicher“, sagte Reuter.
5. Sondervermögen: Impulse – aber mit Einschränkungen
Umso mehr Hoffnung setzte insbesondere auch der Mittelstand auf das „Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität“, das im März noch vom alten Bundestag beschlossen wurde. Begeisterung entfacht das Sondervermögen allerdings nicht, denn es geht mit weiteren Schulden einher. So heißt es in einer Pressemitteilung der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose (DIW Berlin, ifo Institut, Kiel Institut für Weltwirtschaft, IWH, RWI) vom 25.9.25 (www.iww.de/s14719):
„Zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz nutzt die Bundesregierung erweiterte Verschuldungsregeln. Daraus ergeben sich in den kommenden Jahren Impulse – allerdings mit Einschränkungen: Erstens fließen Mittel, etwa für Bau- und Rüstungsprojekte, wegen langer Planungs- und Vergabezeiten langsamer ab als im Haushalt vorgesehen. Zweitens dienen Kredite auch dazu, eine eigentlich fällige Konsolidierung zu vermeiden. Drittens entsteht 2027 trotz der verschobenen Mittel aus den erweiterten Kreditmöglichkeiten ein erheblicher Konsolidierungsbedarf.“ Die Binnenwirtschaft komme zwar spürbar in Fahrt, allerdings würden die strukturellen Probleme nur kaschiert: Grundlegende standortstärkende Reformen blieben aus.
Merke | Zusätzliche Verschuldung ist der eine grundlegende Kritikpunkt, ausbleibende Basisreformen der zweite. Doch dabei bleibt es nicht.
Inzwischen zeichnet sich (Kritikpunkt Nr. 3) ab, dass es tatsächlich weniger zusätzliche Investitionen geben wird als erhofft, notwendig und versprochen. „Die Politik hält nicht ihr Versprechen, ausschließlich zusätzliche Investitionen mit dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität zu finanzieren“, beklagt etwa das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Mit dem Haushalt 2026 breche die Bundesregierung das Versprechen, dass die 500 Mrd. EUR „on top“ zum regulären Bundeshaushalt fließen und keine bestehenden Investitionen ersetzen sollen (www.iww.de/s14720).
Auch der Bund der Steuerzahler Deutschland (BdSt) übt scharfe Kritik: „Das Sondervermögen ist ein XXL-Verschiebebahnhof“, teilte der BdSt bereits im Juli mit (www.iww.de/s14721). „Was als Investitionsoffensive verkauft wird, ist in Wahrheit ein schuldenfinanzierter Schattenhaushalt. Wer auf diesem Weg Wachstum verspricht, hat aber auf Sand gebaut“, betonte BdSt-Präsident Reiner Holznagel. „Wir sehen keine klaren Regeln für Effizienz und Priorität, sondern nur eine riskante Entgrenzung der Staatsausgaben.“
6. Rückbesinnung auf marktwirtschaftliche Prinzipien
Der Beraterkreis beim Bundeswirtschaftsministerium plädiert für eine Rückbesinnung auf marktwirtschaftliche Prinzipien. Eine neue „Ordnungspolitik des Wachstums“ soll Innovationen fördern, Strukturwandel zulassen und den Wettbewerb stärken.
Konkrete Vorschläge |
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Zudem stellen die Experten klar, dass öffentliche Investitionen nicht private verdrängen, sondern Innovation anstoßen sollen – durch wettbewerbliche Ausschreibungen, Monitoring und Schwerpunktsetzung auf Bildung, Forschung und digitale Infrastruktur. Bei der Verteidigung gilt:
- Dual-Use-Technologien und Technologietransfer nutzen
- Zivilklauseln lockern
- Europäische Kooperationen stärken
7. Grundsätzliche Neubewertung von Regulierung
Der Beraterkreis spricht sich gegen eine kosmetische Entbürokratisierung aus und für eine grundsätzliche Neubewertung von Regulierung. Wachstumshemmende Regeln – etwa im Datenschutz, Baurecht oder Umweltrecht – sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Jede neue Regel muss ihren Nutzen nachweisen. Bestehende Vorschriften mit negativer Wachstumswirkung sollten gestrichen werden.
Schließlich müsse der Sozialstaat reformiert werden, da ohne Anpassung ein fiskalisches Ungleichgewicht drohe. Es werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:
Fazit | Die Bundesregierung darf jetzt keinesfalls weiteres Vertrauen von Wirtschaft und Gesellschaft verspielen. Sie muss den Haushalt konsolidieren. Gleichzeitig muss sie jedoch auch in großem Maßstab investieren. Damit Deutschland wieder wettbewerbsfähig wird, sind zahlreiche Impulse notwendig, darunter unbedingt Investitionen in eine zeitgemäße Infrastruktur sowie endlich echte Reformen und Bürokratieabbau. Vorschläge dafür liegen genügend auf dem Tisch. Es braucht keine weiteren Kommissionen, sondern beherztes Anpacken – und zwar jetzt. Nur so wird aus dem angekündigten „Herbst der Reformen” kein „Winter der gebrochenen Versprechen”.
- Anhebung des Renteneintrittsalters
- Stärkung des Nachhaltigkeitsfaktors in der Rente
- Beitragsstabilität durch effizientere Arbeitsmarktpolitik
- Entlastung von Arbeit und Unternehmertum
AUSGABE: BBP 12/2025, S. 337 · ID: 50615169