Sie sind auf dem neuesten Stand
Sie haben die Ausgabe Nov. 2025 abgeschlossen.
RegressLegal Tech-Unternehmen meldet sich als Schlichter für Versicherer bei der Werkstatt – was tun?
| Regress ohne Risiko, das scheint das Motto eines (kleinen) Versicherers zu sein, der jetzt einen Schlichter ins Rennen um Rückforderungen schickt. Der wiederum ist eine der vielen Firmen aus dem „Legal Tech“-Segment, also dem Segment der automatisierten Rechtsanwendungen. Was tun bei einem Schreiben des Schlichters? Wie reagieren? |
Inhaltsverzeichnis
Neu: Legal Tech-Unternehmen als Schlichter
Die Firma, um die es geht, heißt Suitcase GmbH. Ein Blick auf deren Homepage erläutert das Geschäftsmodell und zeigt deren Mentoren auf. In einem Schreiben, das UE vorliegt, schreibt Suitcase:
Der (neutralisierte) Wortlaut des Schreibens |
Versicherer setzt auf Schlichter bezüglich ... Sehr geehrter Herr ..., auf Antrag der xy Versicherungs AG wurde eine Schlichtung eingeleitet. Als unabhängige Gütestelle sind wir gesetzlich zur Neutralität verpflichtet und vermitteln eine Einigung im Interesse beider Seiten. Bitte lesen Sie dieses Schreiben gründlich, um die Einzelheiten zu erfahren. |
... „wirtschaftlich nicht erforderlicher“ Reparaturleistungen der Werkstatt Der Fall betrifft Reparaturleistungen Ihrer Werkstatt mit Rechnungs-Nr. .... Es handelt sich um einen Unfallschaden, deren Kosten die xy getragen hat. Sie stuft einzelne Arbeiten i. H. v. 130,82 Euro als wirtschaftlich nicht erforderlich ein und fordert dafür eine Rückerstattung. Sie bietet Ihnen diese Schlichtung – laut eigener Aussage – als letzten, gütlichen Versuch an und wird andernfalls Klage erheben. Unser Ziel ist es, eine Einigung zu vermitteln. Dazu sagen uns beide Seiten vertraulich, für welchen Geldbetrag sie den Konflikt beilegen. Wenn die Vorschläge übereinstimmen, entsteht rechtssicher ein Vertrag. Die xy hat ihren Einigungsvorschlag bereits hinterlegt. Wir bitten Sie, den Fall bis spätestens xx.xx.2025 über unser Internetportal zu prüfen. Sie brauchen dafür 3–5 Minuten. Es entstehen Ihnen keine Kosten. Sie können von der Schlichtung nur profitieren:
Um mehr zu erfahren, folgen Sie dem QR-Code (vgl. unten rechts). Alternativ können Sie den Fall im Browser unter www.suitcase.legal/casehub mit der Aktivierungs-lD „123“ einsehen. Wir verstehen, dass dieses Schreiben für Sie viele Fragen aufwirft. Gern stehen wir Ihnen jederzeit telefonisch und per E-Mail für Rückfragen zur Verfügung. |
Überlegungen der Werkstatt
Wie kann die Werkstatt auf das Schreiben des Schlichters reagieren?
Einigen immer besser als streiten
Eines ist eine alte Erfahrung aller Juristen: Wenn es tatsächlich Ansatzpunkte des Versicherers für einen Regress gibt, ist eine Einigung besser als ein Streit. Denn die vom Schlichter in den Raum gestellten Prozesskosten können sich durch die Einschaltung eines Gutachters durch das Gericht noch deutlich erhöhen. Dann ist es auch kein Fehler, diesen Weg mitzugehen.
„Kaufmännische Lösungen“ vor Hintergrund von Legal-Tech
Wenn der Versicherer aber nur – wie so oft – seinen Beurteilungsspielraum an die Stelle des Beurteilungsspielraums des Sachverständigen, dessen Gutachten Grundlage der Reparatur war, setzen möchte oder der rechtsirrigen Auffassung ist, dies und das dürfe nicht berechnet werden, weil es „in den Gemeinkosten enthalten“ sei, muss immer abgewogen werden:
Statt um – wie im Beispielsfall – 130,82 Euro mit viel Aufwand zu streiten (Vorgang prüfen, Besprechung mit Sachverständigem und Rechtsanwalt, am Ende noch ein Mitarbeiter als Zeuge bei Gericht, wie im Fall beim AG Laufen auf Seite 1 in dieser Ausgabe), kann eine „kaufmännische Lösung“ durchaus auch die richtige sein, selbst wenn an der Regressforderung „nichts dran ist“.
Legal Tech-Firma als Schlichter kann gefährlich werden
Doch muss man sich klarmachen: Mit der Einschaltung der Legal Tech-Firma als Schlichter hat man auch einen Spieler in der Sache, der zweifelsfrei mit Daten gewinnbringend umgehen kann. So kann in Windeseile mit bundesweiter Wirkung ausgewertet und erkannt werden: „Werkstatt A sucht immer die kaufmännische Lösung“. Die Folge daraus: Werkstatt A bekommt nun in jeder Schadensache einen Schlichtungsvorschlag. Und der Versicherer bekommt in jeder Schadensache Geld zurück.
Da kann es – obwohl auf den einzelnen Fall bezogen kaufmännisch unwirtschaftlich – der richtige Weg sein, dem Versicherer zu zeigen, wer Herr im Haus ist: Die Prozesse führen und gewinnen.
Im Beispielsfall geht es um 130,82 Euro. Halbe-halbe würde der Versicherer aller Voraussicht nach mitmachen, sonst würde er diesen Weg nicht gehen. Der Werkstatt sollen durch die Schlichtung keine Kosten entstehen. Also zahlt der Versicherer an Suitcase GmbH. Folglich muss das Legal Tech-typisch ein sehr niedriger Rechnungsbetrag sein, der dort aufgerufen wird. Das wiederum macht es möglich, dass Versicherer die Regressversuchs-Schlagzahl erhöhen. Wenn derzeit – geschätzt – auf hundert Schadenregulierungen fünf Regressversuche kommen, weil der Versicherer gar nicht mehr Kapazitäten hat, können das demnächst hundert auf hundert sein. Auch das spricht gegen die kaufmännische Lösung in sicheren Sachen.
Zuletzt: Nach bisheriger Erfahrung (Ausreißer-Urteile gibt es immer) hat die Werkstatt, die die berechneten Arbeiten auch so durchgeführt hat wie berechnet, in den Regressen wenig zu befürchten.
AUSGABE: UE 11/2025, S. 7 · ID: 50595590
